anne of green gables
"also, es gibt oppa eving und oppa kotelett."
"aber wie hieß oppa kotelett denn nochmal mit richtigem namen?"
"oppa lindenhorst."
ich freu mich schon drauf wenn meine eltern omma und oppa lütchenbömmel sind.
osteranruf in der seniorenresidenz: das ömchen zeigt sich empört über das residenz-angebot eines österlichen sonntagsfrühstücks: acht mark fünfzig wollen die dafür haben! es ist natürlich ausgefallen! - warum denn? frage ich. - ja, sagt sie, hier sind doch nur alte leute! was sollen die denn da? das war keine gute idee von denen!
dazu kann ich nur hm sagen und wechsle das thema, weil mir die seniorenresidenz in ihrem von vornherein zum scheitern verurteilten bemühen, es den alten leuten rechtzumachen, immer so leid tut. - ja, und sonst so? frage ich also. sonst stricke sie meinem neffen, ihrem enkel, eine braune jacke so richtig mit reißverschlüssen und so. sie vertut sich mit dem namen des bestrickten und sagt aus versehen den namen einer - zugegeben ähnlich klingenden - vogelart. ich weise sie nicht darauf hin und sage, ach schön, weil ich weiß, dass meine oma stricken wirklich schön findet. und dabei schaust du dann fern? frage ich sie noch. - jaja, meint sie, ich hab den fernseher an, damit ich einen gesprächspartner habe. so, beendet sie das gespräch dann ein bisschen hastig, jetzt haben wir schön geplaudert! - und wir legen auf.
ich frage mich, ob der fernseher wichtigeres mitzuteilen hat als ich. es ist ostern, also vermutlich schon (meine oma liebt den papst). am nächsten tag ist sie gerade beim osterbrunch (frühstück, wie gesagt, kommt nicht gut bei ihr an) mit meinen eltern, als ich meinen osteranruf bei denen mache. man will mich an sie weiterreichen, aber oma lehnt ab - wir hätten das alles bereits gestern erledigt. wie schön. meinen österlichen pflichten unaufwändig nachgekommen mache ich einen spaziergang am müggelsee bei unglaublich wunderschönem wetter.
"wenn du bei dir aus dem fenster guckst oder auf die straße gehst, musst du ja fast sterben, so deprimierend ist das da bei dir, der ganze block, überhaupt, friedrichshain, komm, hör mir auf! nicht auszuhalten!" - meinte mein vater letztens.
das hat mich ein bisschen gewundert, weil es jetzt nicht gerade so ist, dass sich meine eltern auf dem allerwunderbarsten fleckchen der welt niedergelassen hätten, es verhält sich eher so, dass man, wenn man aus den fenstern des hauses in dem ich aufwuchs schaut, folgendes sieht:
eine vor allem von lkws auf ihrem weg zur autobahn befahrene straße; einen braunockergelbgrauen komplex, auf dem ein autoverkauf zu finden ist, den ein düsterer typ betreibt, der da auch wohnt, immer von zwei gewaltbereiten rottweilern begleitet wird, und den wir den vampir nennen; eine früher mal silber-blaue, nun aber usselig-graue, an einem langen dings runterhängende, unmotivierte lamettagirlande, die diesen autoverkauf irgendwie bewerben soll oder so, was aber egal ist, denn da hat noch nie irgendjemand ein auto gekauft; eine spirrelige riesenhohe tanne hinter dem autoverkauf, auf deren wipfel ein blauer plastikeimer sitzt, keiner weiß, warum; ein fleischfarbenes hässliches mehrfamilienhaus, von meiner schwester und mir früher das orangene hochhaus genannt, in dem sich die bewohner oft vor den fenstern ausziehen und in ein paar komplett unmöblierten zimmern hausen; ein nachbarhaus, das fast keine fenster hat, dessen bewohner aber eine schöne glasbausteinwand zwischen ihren und unseren garten gezogen und auch sonst total einen an der klatsche haben; ein ochsenblutrotes gebäude, in dessen erdgeschoss sich eine kneipe befindet, die früher mal ritter-ranch, dann zur ranch hieß und nun geschlossen ist, was viele leute da bestimmt schade finden, meine eltern aber nicht.
ein stück die straße hoch gibt es noch die offene strafvollzugsanstalt, eine erst kürzlich geschlossene brauerei und einen aldi, und dahinter fängt bochum an.
das alles warf ich meinem vater, in verteidigung meines wohnsitzes, so ein bisschen vor und meinte, hundekacke schön und gut, aber er sollte sich da lieber nicht zu weit aus dem fenster lehnen, doch er wollte nichts davon wissen und beharrte angeekelt, herabblickend und zur weiteren diskussion nicht bereit auf seinem standpunkt.
bei den darauf folgenden dortmund-besuchen konnte ich dann zwar - wie immer - nachvollziehen, dass man ja vielleicht lieber in dortmund als in berlin wohnen möchte, fand aber die unmittelbare umgebung in der ich aufgewachsen bin auch bei allerbestem willen genauso ungemütlich und nicht schön wie schon immer. es ist sogar so, dass es da so ungemütlich und betoniert und nicht schön ist, dass es fast schon wieder schön ist.
ich bin ein bisschen gespannt, was mein vater zu kreuzberg sagt, wo ich demnächst hinziehe, aber ich glaube, dass er wahrscheinlich sogar "den schönsten ort der welt", wo auch immer der ist, ablehnen würde - zuviel sand, zu warm, zu kalt, zu laut, nichts los, zuviel los, bäh. außer dortmund (auch bochum und essen würde er nicht akzeptieren, von diesen städten hält man als dortmunder nicht viel, meint mein vater, aber ich habe das noch nie einen anderen dortmunder sagen hören - außer mich manchmal, und ich sage das nur, weil mein vater das sagt. und schon gar nicht unna.), und dortmund jetzt auch nicht, weil es da so irre schön ist oder so, sondern wegen eines sehr weit zurückreichenden eher nicht so gut erklärbaren verbindungsgefühlsgeschwurbels, das irgendwie auch nicht einfach nur affiger lokalpatriotismus ist (rede ich mir ein).
eine zweite ausnahme wäre für ihn glasgow, eine stadt, die er aus ähnlichen, aber nicht ganz so weit zurückreichenden gründen bedingungslos liebt. als ich da mal war, fand ich es, auf schottische weise, ziemlich so wie dortmund (aber das habe ich außer meinen vater auch noch niemanden sagen hören).
es interessiert mich alles irgendwie gar nicht, sage ich zu meiner mutter. sie guckt ratlos auf den laptopbildschirm, auszüge einer studie die "grande soy vanilla latte with cinnamon, no foam..." heißt, und sagt, sie wäre nicht gern an meiner stelle. ich wäre auch nicht gern an ihrer stelle, aber an meiner auch nicht. ich möchte nicht lesen, und ich möchte nicht schreiben. ich möchte nicht rumtheorisieren, - oder schon rumtheorisieren, aber für mich, sowie auch lesen und schreiben nur für mich, wen interessierts auch überhaupt, wenn es ja nicht mal mich, lesend, schreibend, theorisierend, interessiert. dass du dich heute nicht so gut fühlst liegt am wetter, glaubs mir, sagt meine mutter. aber an meinem hinterkopf wächst der schmerzende knubbel und heiße flashs jagen durch mein linkes bein, vielleicht bilde ich mir das nur ein, vermutlich bilde ich mir alles nur ein, wie ich mir auch die relevanz meiner mühsam formulierten sätze einbilde, oder mir eher einbilde sie mir einzubilden, weil ich sonst schon längst aufgegeben hätte. wie sinnlos dieses ganze unterfangen ist und wie entmutigend, so zukunftsmäßig. und das kann man jetzt auch nicht beschönigen! gestern habe ich noch gedacht, dass, wenn man sich so fühlt wie ich mich gerade fühle (was ich gestern aber noch nicht wusste, dass ich mich heute so fühlen würde), man am besten für eine halbe stunde auf den fernsehturm im westfalenpark fahren sollte, oder meinetwegen auch auf einen anderen hohen turm; türme, aussichten haben eine hypnotisch-runterkommende wirkung auf mich, bilde ich mir ein.
boah, super, wie es sich so langsam und brauend zusammenzieht draußen, das ist das allerbeste maiwetter, grauer himmel und grünste bäume, auf dem höhepunkt ihres grünseins, und gleich kommt der regen. ich muss dann immer an meine schulzeit denken, da war der mai immer so, und die bäume auf dem schulhof so grün, ein ziemlich begrünter schulhof war das, und der himmel so graublau, und ich war irre verliebt in sebastian h., der, für schulverhältnisse, viel älter war als ich und mich nicht kannte. ich kannte ihn auch nicht, aber ich stellte mir vor, dass er der coolste mensch der welt sein müsste, er hatte dreadlocks und war kaum größer als ich. unter meiner schulbank, die ich mit meinem namen vollgemalt hatte, ziemlich dämlich eigentlich, denn das darf man ja gar nicht, und mein name gab ja doch eindeutige hinweise, ich wurde allerdings nie bestraft dafür, etwa mit schulbank-schrubb-nachmittagen, unter der bank jedenfalls lag mal ein zettel mit einer nachricht von ihm an mich, die ich sofort als gemeinen plan meiner freundinnen - oder feindinnen, mit 15 änderte sich das irgendwie alle paar tage - abtat. jahre später, auf einem dieser bescheuerten ehemaligen-feste meiner schule, bekam ich die erste gelegenheit meines lebens, mit sebastian h. zu sprechen. er hatte keine dreadlocks mehr und war auch sonst überhaupt kein bisschen cool, und schon gar nicht der coolste mensch der welt, und ich glaube, mittlerweile war er sogar kleiner als ich, und er sagte mir an diesem betrunkenen abend, dass die nachricht unter meinem tisch, denn warum eigentlich bank, es ist gar keine bank, es ist ein tisch, schultisch, damals tatsächlich von ihm stammte, dass er sehr enttäuscht über meine ausbleibende reaktion gewesen sei und mich von da an für arrogant gehalten hatte, ganz schön tragisch eigentlich!
ich wusste genau, dass es meine mutter wahnsinnig machen würde, wenn ich plötzlich stricken könnte. deshalb hab ich mir von meiner oma stricken beibringen lassen. es ist super kompliziert wie ich finde, es ist auch kein großer spaß, aber ich kann jedenfalls jetzt stricken und habe bereits ein rosa stück gestrickt und trage dieses strickstück mit mir im haus rum und meine mutter macht es wie gesagt wahnsinnig und sie ist total sauer dass ich jetzt stricken kann und sie nicht (sie ist nicht so der handarbeitstyp) und sie macht spitze bemerkungen. sie sagt,
stopfen könne ich nicht.
eine woche lütgendortmund-aufenthalt macht mich zum totalen kind. ich muss am anfang der woche festlegen, an welchen abenden ich mit meinen eltern essen werde (an allen außer am sonntag), ich kaufe vormittags brötchen, 2 roggen, 2 normale, um mit meinen eltern um 12 zu frühstücken, ich schaue mir mit denen jeden scheiß im fernsehen an, das einsame haus am see, das perfekte dinner, kerner, meine mutter war eine nazifrau (also jetzt nicht meine, sondern so ähnlich hieß gestern ein film im zdf mit thekla carola wied), ich trage keinen goldschmuck mit silberschmuck zusammen, denn das macht man nicht, ich bügel meine jeans und entfussel meine pullis mit einer fusselrolle, ich benutze einen extra löffel für lyle's golden syrup, damit keine butter ins lyle's-glas kommt, ich gehe mit meiner schwester ins frisch renovierte wunderschöne südbad schwimmen, ich lese einen sehr langweiligen krimi, ich höre mir einen 30minütigen vortrag meiner mutter über die verblüffende wirkung von schüssler-salzen an, ich gehe vor meinen eltern ins bett und ich besuche ständig meine oma.
der bringe ich eine große menge bananen mit, so viele bananen, das glaubt man gar nicht. "deine großmutter", brüllt meine mutter von oben runter ins erdgeschoss, in dem ich stehe, denn bei uns zu hause sagt man sachen nicht normal, man schreit sich durchs haus an, "frisst in der woche ein netz mandarinen, eine staude bananen, ein kilo weintrauben, 10 birnen und zwei 6er packs äpfel. zusätzlich 6 liter milch und 8 yoghurt (meine oma sagt
jochurt)."
auf dem weg zur senioren-residenz (ich darf auf keinen fall altersheim sagen) gehe ich den unendlich trostlosen
lütgendortmunder hellweg richtung A40 hoch und nehme die abkürzung ins dorf durch den
park der generationen. im dorf ist markt und der polizist, hier ein schutzmann, isst eine fischfrikadelle und unterhält sich mit zwei damen, die gleichzeitig versuchen, ein kleines kind abzuwimmeln -
maurice, geh ma nachm oppa! komm gezz, geh schön nachm oppa hin!
später nehme ich die s-bahn in die stadtmitte, mein schulweg, unter den zusteigenden jugendlichen versuche ich, den auszumachen, in den ich mich früher verliebt hätte, vermutlich den, der sich die ganze zeit in der fensterscheibe betrachtet und sich unheimlich super hübsch findet, furchtbar.
ich versinke für tage in diesem komische leben und sehe niemand anderen als meine schwester, meine oma und meine eltern.
gerade werde ich schrecklich müde und es ist ja auch eher ziemlich uninteressant, alles. zum ersten mal in dieser woche bin ich länger aufgeblieben als meine eltern und konnte so wenigstens einmal ihrem spott entrinnen.
entrinne dem spott. boah, ich bin so müde. das haus ist dunkel und leise, unheimlich wie immer, und der kühlschrank gurgelt komisch. ich geh jetzt schlafen.